Gegen den antizionistischen Konsens - Schluß mit der antisemitischen Gewalt in Kreuzberg und Neukölln

 

Berlin-Kreuzberg, das ist ein starkes Stück Deutschland. In diesem Bezirk, den seine Bewohner  ihren „Kiez“ nennen, nimmt man einander nichts übel, wähnen sich doch alle als Insassen eines  verschworenen Wehrdorfs, in dem Menschen verschiedener Kulturen friedlich und freundlich zusammenleben. Das ist zwar ganz und gar gelogen, heißt Multikulturalität doch gerade nicht das freie Miteinander von Verschiedenen, sondern das Gegeneinander der Austauschbaren, die, je verwechselbarer sie einander werden, sich unbedingt als Deutsche, Araber und Türken begreifen müssen. Andererseits ist es jedoch die blanke Wahrheit über das Wehrdorf: Wenn sich dessen Bewohner auch über sonst nichts einig sind, wissen sie doch ganz genau, wen sie hier nicht haben wollen, nämlich Juden.

Dabei haben die Dörfler nichts gegen Juden, solange sie tot sind und sie mit ihnen ihren antifaschistischen Lerneifer illustrieren können, dessen Quintessenz darin besteht, den lebenden Juden Lektionen in deutscher Friedenspolitik zu erteilen. Der Antisemitismus der Kreuzberger entstammt nicht etwa fanatischer Überzeugung, sondern selbstverständlicher Lebenshaltung. Sie halten es mit Christian Ströbele, den sie 2002 direkt in den Bundestag gewählt haben. Der hatte schon 1991 über den jüdischen Staat gesagt: „Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.“ Kreuzbergs Liebling, der mit dieser Äußerung auch nur auf die ständigen „Provokationen“ verweisen wollte, die von Israel auf die Region ausgingen, ebnete damit denjenigen den Weg, die heute mit ihrem gewalttätigen Vorgehen gegen Freunde Israels nur die logische, fast zwingende Antwort auf deren Engagement zu geben glauben.

In Kreuzberg lebt man vor, was praktizierte Toleranz heißt: Toleranz ist, wenn man alles auszuhalten bereit ist, was an Niederträchtigkeiten im Namen von Kultur und Identität verbrochen wird und wenn dabei einer den anderen deckt. Tolerant sein, heißt zu ertragen, daß im tiefsten Inneren des Berliner Kiezes, im legendären SO 36 entlang der Oranienstraße, die Fahne Palästinas, sekundiert von anderen Haßbotschaften gegen Israel, auf Hausdächern flattert oder aus Wohnungen heraushängt.

Solches öffentliche Bekenntnis gegen Israel wurde jüngst durch die Europawahlplakate der linken Parteien bekräftigt, die den Haß auf die USA – den einzigen verläßlichen Freund Israels – schürten. „Friedensmacht Europa – im deutschen Interesse“, verkündet drohend die SPD, „Gegen menschliche Klone“, agitieren die Grünen, die so viele identische Fahndungsfotos des US-Präsidenten auf`s Plakat reihten wie weiland Andy Warhol Suppendosen der Marke Campbell’s. Die Vorsitzende der CDU kompromittieren die Grünen mit der Fratze eines wahren Teufels, der hinter ihr lauert. Es war zwar nicht der ewige Jude, aber immerhin das Konterfei des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi, der im linken Deutschland als ein Mussolini-Klon gehandelt wird.

 

Multikulturelle Alltagskultur

 

Bei soviel Einigkeit in der Mitte der Gesellschaft wird es Zeit zu handeln, so mögen die Revolutionären Kommunisten (RK), vormals RIM, als Speerspitze der Kreuzberger revolutionären Linken gedacht haben. Und auch im benachbarten Neukölln sahen fast zeitgleich einige der Kunden solcher Bäckereien, die zum Zeichen ihres Anspruchs auf von Juden und Zionistenfreunden befreite Zonen Al-Quds heißen und gerne neben dem Al-Aqsa-Café liegen, Handlungsbedarf.

Die Kreuzberger Revolutionäre brachten ihre Botschaft am 30. Mai dieses Jahres rund um einen sogenannten Mumia-Wagen zum Ausdruck, der seit Jahren fester Bestandteil des Karnevals der Kulturen ist. „Antizionistische Aktion“ stand auf den T-Shirts einiger der deutschen, türkischen und arabischen Genossen, die den Mumia-Wagen „schützten“. Der Schutz war perfekt: Zwei Antifaschisten, die an der antisemitischen Botschaft der T-Shirts Anstoß nahmen, wurden von mehr als 20 Leuten angegriffen. Der eine wurde zu Boden geschlagen und mit Füßen getreten, daß er eine Gehirnerschütterung und schwere Prellungen am ganzen Körper davontrug. Der andere erlitt einen Rippenbruch und bekam einen Messerstich ab.

Was die Leute von den RK im Zeichen des Märtyrers Mumia Abu Jamal, der im Nebenberuf antisemitischer Haßprediger ist, mit ihren Kritikern veranstalten, schaffen Angehörige des autochthonen Volkes gegen ihren Erbfeind jederzeit. Am zweiten Juni dieses Jahres war es wieder einmal soweit: Ein Gast des Neuköllner Estrel-Hotels, israelischer Staatsbürger und mit der Kippa bedeckt, ging abends auf der Sonnenallee spazieren. Zwei Männer traten auf ihn zu, gaben sich als Palästinenser zu erkennen und erkundigten sich, ob er Jude sei. Als dieser erklärte, nicht über Politik diskutieren zu wollen, schlugen sie ihm die Kippa vom Kopf. Als er sie aufheben wollte, setzte es Faustschläge. Die Täter flohen, der Angegriffene mußte ambulant behandelt werden.

Schlimm genug, daß solche Dinge passieren; sie wären dennoch kein allzu beängstigendes Problem, wären die Täter isoliert und schief angesehen. In Kreuzberg aber dürfen sie sich aufgehoben und verstanden fühlen, denn sie agieren etwas aus, was alle umtreibt. Es ist in den seltensten Fällen so, daß alle die logische Konsequenz aus einer von allen geteilten Denkform auch praktisch ziehen. Diesen Job übernehmen ein paar Außenseiter, denen die ehrenwerte Gesellschaft die Zügel schießen läßt, um sich, wenn’s gar zu brenzlig wird, distanzieren zu können. Dieses Verhältnis von Duldung und Funktionalisierung, von unbewußter Delegation und sozialarbeiterischer Zuwendung ähnelt dem Verhältnis, das die deutsche Öffentlichkeit in den 90er Jahren zu den besonders in der Zone aktiven Nazis unterhielt. Kreuzberg und Neukölln sind heute ebenso „zionistenfreie Zonen“ wie dort die „national befreiten“ es waren und zum Teil noch sind. Mit einem bedeutenden Unterschied: Letztere empfand man bald als Makel, dessen man sich schämen mußte. Die zionistenfreie Zone Kreuzberg dagegen wird von den lautersten Absichten getragen. Mit dem Anliegen, über die Israelis, hier lebende Juden und ihre Unterstützer ein moralisches Protektorat auszuüben, läßt sich prächtig renommieren. Erst als multikultureller und antirassistischer wird der Antisemitismus ehrbar und Bestandteil der Alltagskultur, deshalb nimmt auch an den Vorfällen kaum jemand Anstoß. Wie bei den Nazis in ostdeutschen Kleinstädten wird ignoriert oder beschönigt, was nicht nur die Berliner Zeitung (04.06.2004) immer häufiger berichten muß: Daß insbesondere in Neukölln und Kreuzberg sich antisemitische Übergriffe „immer wieder ereignen“ und „in mehreren Fällen (...) Leute angegriffen (wurden), weil sie einen Davidstern trugen.“ Offensichtlich ist es so, daß besagte Bezirke in dem Maße zur No-Go-Area für Juden werden, wie jüdische Symbole, sei es die Kippa, der Davidstern oder die Fahne Israels mit Gewalt oder Drohungen aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Einer Verhöhnung der Angegriffenen kommt es gleich, wenn die Sprecherin der Berliner Polizei die Neuköllner und Kreuzberger Zustände so bagatellisiert: „In Anbetracht der vielen jüdischen Mitbürger, die ihre Symbole offen tragen, ist die Zahl gewalttätiger Übergriffe vergleichsweise gering, obwohl jeder Fall zu verurteilen ist.“ (Berliner Zeitung, a.a.O.)

 

Israel im Visier der Kiezbewohner

 

Jeder weiß, daß die Stimmung kippt in Kreuzberg und in Neukölln, und fast jeder hat für die bedrohliche Entwicklung verständnisvolle Erklärungen parat. Mußte der israelische Jude als Angehöriger einer „Täternation“, wie immer mehr Deutsche Israel bezeichnen, ausgerechnet im Neuköllner Problembezirk, einem Viertel, in dem viele jener selbststilisierten Opfer Israels leben, mit seiner Kippa provozieren? Und haben die zusammengeschlagenen Antifaschisten nicht vielleicht ihrerseits Unrecht getan, als sie einen Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Antizionistische Aktion“ trug, einen Antisemiten nannten? Vielleicht war es ja nur ein Akt der Notwehr, als die Antizionisten ihrem derart bedrohten Genossen zur Seite sprangen?

Die linke Szene weiß, daß Mumia-Solidarität von blankem Amerikahaß und offenem Antisemitismus nicht mehr zu trennen ist und in festen Händen von RK-Schlägern und multikulturellen Soundpiraten liegt, wobei letztere die musikalische Begleitung zum Zionistenklatschen beisteuern. Offen bleibt, ob die linke Szene trotzdem oder gerade deshalb unverdrossen Demonstrationsbündnisse mit diesen Kiezmilizen eingeht. Jedenfalls weiß sie sehr genau, daß die RK im Bündnis mit Angehörigen arabischer Streetgangs stehen, die bekanntlich vor keiner Gewalttat gegen „Zionisten“ zurückschrecken. Man erkennt diese Bündnispartner an ihren Halsketten, an denen Anhänger befestigt sind, die das britische Mandatsgebiet Palästina in den Grenzen von 1948 in den Landesfarben der Autonomiebehörde darstellen. Von einem Staat Israel ist auf solchen bereinigten Landkarten keine Spur zu finden. Längst ist auch ein offenes Geheimnis, daß auf der Kreuzberger Oranienstraße, im Jugendzentrum TEK, die jüngeren RK-Genossen sich ungehindert treffen – bemuttert von Leuten, die mit ihren judenhassenden Schäfchen das veranstalten, was sie ihren Kollegen in Ostdeutschland in Bezug auf den Umgang mit der braunen Klientel vorwarfen: akzeptierende Sozialarbeit.

 

Es ist höchste Zeit, angesichts der Zunahme antisemitischer und antisemitisch motivierter Übergriffe in Kreuzberg und Neukölln öffentlich einige Minimalstandards einzuforden.

Wir fordern alle Freunde Israels in und außerhalb dieser Berliner Bezirke auf, seien sie Deutsche oder Migranten, Linke oder Liberale, am 10.07.2004 mit uns zu demonstrieren

 - für die politische Isolierung linker Antisemiten wie die RK und deren Anhänger.

- gegen alle Manifestationen für die Intifada oder einen sogenannten irakischen Widerstand

- gegen jeden öffentlich propagierten Juden- bzw. Israel-Hass, sei es im autonomen Zentrum oder im Al-Aqsa-Café, in der Moschee oder in der evangelischen Kirche

 

 

Treffpunkt: Samstag, 10.07.2004, 14.00 Uhr, Hermannplatz (U-Bahn Linien 7 und 8)

 

 

Aufrufende Gruppen: ag antifa Halle, AG „No Tears for Krauts“/Halle, Antideutsch-kommunistische Initiative [aki], Antifa Giessen, Antifa Kiel, Antifa Merseburg, Antifaschistische Aktion Dortmund [aado], anti nationale nürnberger antifa [a.n.n.a.], arbeitsgemeinschaft antifaschismus an der universität potsdam, Assoziation 14. Mai und Freunde, Autonome Antifa Nordost [AANO], Berliner Bündnis gegen IG Farben, bündnis gegen antisemitismus leipzig, Bündnis gegen Antisemitismus und Israelhass/Freiburg, Chemie Yid Army, Georg-Weerth-Gesellschaft Köln, Gruppe i. Gr. Leipzig, Gruppe.Internationale.Webteam [GI], Gruppe Morgenthau/Frankfurt, gruppe offene rechnungen berlin, Initiative verteidigt Israel/Kiel, IsF Freiburg, kosmopolitbüro,  liberté toujours berlin, mila26/Erfurt, prozionistische Linke Frankfurt, Redaktion Bahamas, Redaktion T-34, Queer for Israel