Stellungnahme der Antifa Gießen zum antisemitischen Angriff im besetzten Haus "die Au" in Frankfurt

 

Die Infamie der Hauswarte

 

Niemand, der seine fünf Sinne noch halbwegs beisammen hat, glaubte, dass es noch eines Beweises bedurft hätte um aufzuzeigen, in welchem Stadium intellektueller Verlotterung das, was heutzutage "Linke" in Deutschland zu nennen sich herausnimmt, sich mittlerweile befindet. Leider bringt aber gerade diese geistige Niveaulosigkeit mit sich, dass dort, wo Argumente fehlen, physische Gewalt ihr Stellvertreter sein muss.

 

Folgerichtig konnte es nicht ausbleiben, dass Leute, die sich zwecks Konzertbesuchs in so genannten "linken Zusammenhängen" bewegten und es wagten "Save Israel!" an eine ohnehin schon keineswegs frisch renovierte Wand zu schreiben aber so was von die Fresse vollkriegten, dass man von Glück reden muss, dass keine ernstlich Verletzten zurückblieben.

 

Aber von vorn: In Frankfurt am Main gibt es ein vormals leer stehendes städtisches Gebäude, das von Leuten bewohnt wird, die sich allein aufgrund der Tatsache, dass sonst niemand Anspruch darauf erhebt, schon so super finden, dass jeder aufrechte deutsche Hausmeister sie um solches Platzhirschgebaren beneiden würde - dies natürlich abgesehen von der Tatsache, dass diese deutschen Hausmeister ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, dass die von ihnen betreuten Häuser einigermaßen zeitgemäßen Wohnstandards entsprechen; mit solchen Marginalien braucht sich ein "linkes Wohnprojekt" selbstverständlich nicht abzugeben. Denn wo die scheinbar selbst geschaffene Identität regiert, braucht man keine funktionierende Zentralheizung - wo gewolltes und gewünschtes Elend selbst verwaltet wird, genügt die heimelige von ihr erzeugte Wärme. Klar, dass abweichendes Verhalten da nicht geduldet werden kann - ist die Nestwärme erstmal im Eimer, fängt vielleicht die kaputte Zentralheizung doch noch an zu nerven - also muss jeder, der zum Schlechter-Wohnen-Kollektiv gezählt werden will auch gleich ein Superhausmeister sein und fein Acht geben, dass da nicht jede(r) an die Wände schreibt.

 

Und weil hinlangen schon immer einfacher war, als sich Argumente an den fünf Fingern abzuzählen, wird halt zugeschlagen. (Vernünftige Menschen werden an diesem Punkt natürlich einwenden, dass doch diese Leute die gleichen seien, die als Erste auf so genannten "Friedensdemos" den aus der Hüfte schießenden Cowboy Bush entlarven - aber wie so oft entlarven sich diese Hausmeister immer nur selber.) Die Zusammengehauenen wenden sich nicht an die zuständigen Ordnungsbehörden, sondern machen das, was sie können: sie schreiben einen offenen Brief an das Kollektiv der Hausmeister (s. "Au tut weh!"), was diese ihrerseits mangels direkten physischen Zugriffs auf ihre Opfer notgedrungen ebenfalls schriftlich beantworten müssen. (s. "Erneute Diffamierungskampagne der sinistra! und Leuten aus dem sog. antideutschen Spektrum" der Au-Veranstaltungsgruppe, Zitate aus dem Text)

 

Aber weil für das Schreiben eigentlich eine Idee dessen, was man eigentlich sagen könnte nötig wäre, fällt ihnen außer Brüllen nichts ein: "Erneute Diffamierungskampagne!" schreien sie ohne zu merken, dass sie sich damit in prima Übereinstimmung mit Jürgen W. Möllemann befinden, der in seiner Selbstwahrnehmung das Opfer einer vom Mossad gesteuerten Drahtzieherei wurde. Wem gegenüber sollte eine solche "Diffamierungskampagne" Wirkung zeigen? Den geschätzt 15% der deutschen Bevölkerung, die nicht meinen, dass die palästinensischen Selbstmordattentate eine berechtigte Kritik am Staat Israel darstellen?

 

Aber immerhin: Gnädig räumen die Superhausmeister diesem Staat ein Existenzrecht ein: "Eine Position, die wir unterstützen", um gleich darauf klarzustellen, dass der Jude angesichts dieser Gnade aber nicht frech werden dürfe, denn schließlich gilt, wiederum in Übereinstimmung mit Möllemann, dass der zukünftige Staat Palästina frei von Juden zu sein habe: Den Schmierfinken gehe es schließlich nicht allein um dieses Existenzrecht, "sondern um die Propagierung einer äußerst umstrittenen Politik". Denn soviel muss schließlich klar sein: Nicht nur den Konzertbesuchern, auch der "englischen Alt-Anarcho-Punk Band", die an diesem Abend aufspielte, ist die Parole "Save Israel!" nicht zuzumuten.

 

Zur Verdeutlichung, dass da nicht jeder kommen kann, wird ab hier im Text sprachlich umgeschaltet auf einen Polizeiberichtsjargon, der jedem Gestapobeamten zur Freude gereicht hätte: Die solcherart ausgemachten Judenfreunde sind nunmehr "Provokateure", die Superhausmeister diejenigen, die sich gegen diese zur Wehr setzen mussten - ein Verhalten, das jedem Volksgenossen ohne weitere Erklärung einsichtig erscheinen muss - weil so geht's ja wirklich nicht. Vom "Hausrecht" wurde Gebrauch gemacht, die "Personen" wurden des Raumes verwiesen, der Schläger "eilte zu Hilfe", ein "Angreifer" (einer der Zusammengeschlagenen) musste mit einem "Tritt gestoppt" werden, auf keinen am Boden liegenden wurde eingetreten - wenn es nur die Richtigen trifft, kann man schon mal fünfe gerade sein lassen, auch wenn die Blessuren eine andere Sprache sprechen. Natürlich ist es unverschämt, diese "drei Personen", die "Provokateure", diesen "Vorfall" in einen "antisemitischen Zusammenhang" zu stellen, schließlich handelt es sich um einen "Anlass" der "benutzt" wurde, um "Solidarisierungseffekte" zu erzielen - wobei (siehe oben) völlig offen bleiben muss, wer sich mit den Angegriffenen solidarisieren könnte.

 

Die eigentlichen Opfer sind ausgemacht: Schließlich steht bis heute an einer Wand zu lesen: "Au Antisemiten auf die Fresse", geschrieben nach dem Übergriff und für die armen Hausmeister ist eines damit klar: Die Gewalt geht von den "Provokateuren" aus, sie setzen sich nur zur Wehr gegen irgendeine Übermacht, Hauptsache die andern warn´s und wiederholen so die Scheißhausparole jedes deutschen Wehrmachtsoldaten: Wir mussten tun, was wir taten, sei es aus Notwehr, sei es Befehlsnotstand.

 

Und in ihren Augen ist Antisemitismus, wenn eindeutig als Neonazis erkennbare Leute unter deutlich vernehmbaren "Juda verrecke!"-Rufen eine Synagoge anzünden. Und weil sie so nicht aussehen, so was nicht im Wortlaut rufen, kann nicht antisemitisch sein, wenn ein sog. "Autonomer" mit den Worten "Ich kann diesen Israel-Scheiss nicht mehr sehen!" auf Konzertbesucher losgeht, es handelt es sich vielmehr um einen "Vorwand", der in bösartiger Absicht aufgebauscht wird. Für ein "friedliches Miteinander aller Menschen" geben sie vor einzutreten. Wie dieses Miteinander im Einzelnen aussieht möchte man sich lieber nicht vorstellen, wenn allein das Äußern einer Meinung, die nicht der vom Hausmeisterkollektiv ausgegebenen entspricht, ausreicht krankenhausreif geprügelt zu werden.

 

In Zukunft sollte jeder, der sich nicht sicher ist, dass sein Denken mit den vom ideellen Gesamtpedell ausgegebenen Parolen identisch ist, solche Orte meiden und falls sich ein Besuch nicht umgehen lässt, darauf achten, still zu sein und die Kleidungsvorschriften peinlich genau zu beachten.

 

Antifa Gießen, 9. Mai 2003

 

Eine Dokumentation des Vorfalles und verschiedene Texte, die hierzu entstanden sind, finden sich auf den Seiten der Frankfurter Gruppe sinistra!