Redebeitrag von Matthias Küntzel auf der Kundgebung am 20.01.03 in Frankfurt

 

Gretta Duisenberg behauptet, keine Antisemitin zu sein und stilisiert sich selbst als „Kämpferin für Menschenrechte und Frieden“. Wie aber sieht ihr „Kampf für Menschenrechte und Frieden“ aus?

Der bislang mörderischste palästinensische Terror-Anschlag mit 29 getöteten Zivilisten fand im März letzten Jahres in Netanja statt. Anstatt sich von dieser Untat zu distanzieren, setzte Gretta Duisenberg unmittelbar darauf das entgegengesetzte Zeichen, indem sie am Balkon der Privatwohnung der Duisenbergs eine Palästina-Flagge anbringen und sich für eine israelfeindliche Kundgebung als Rednerin engagieren ließ.

Der zweitschlimmste Anschlag dieser Intifada wurde am 5. Januar dieses Jahres von einer Untergruppe der von Arafat geleiteten Fatah-organisiert. Unmittelbar nachdem diese Organisation  24 Israelis und Gastarbeiter aus verschiedensten Ländern in einem Armenviertel von Tel Aviv zerfetzten ließ, signalisierte Gretta Duisenberg ihr Verständnis für die Attentäter, besuchte demonstrativ den Paten des antijüdischen Terrorismus, Jassir Arafat, und ließ sich ungeniert in stolzester Kämpferinnen-Pose für Menschenrechte und Frieden an dessen Seite für die Weltpresse fotografieren.

Stellvertretend für viele europäische „Progressive“ hat Gretta Duisenberg so den Verlust jeglicher humanitärer Maßstäbe dokumentiert. Während bisher gezielte Massaker an Zivilisten stets als faschistische Verbrechen angeprangert worden sind, hat im Falle Israels das Gros der europäischen Menschenrechtler und Friedensfreude das Ungeheuerliche als selbstverständlich akzeptiert: Kühl kalkulierten Massenmorden an Juden wurde und wird Verständnis oder gar Sympathie entgegengebracht.

Dieser Schulterschluss zwischen antijüdischem Mord und progressiver Menschenrechts-Attitüde basiert auf der Lüge, dass Selbstmordanschläge auf Israelis ein Ausdruck palästinensischer Verzweiflung sei. So erklärte vor einigen Monaten auch Cherie Blair, die Frau des britischen Premierministers: "So lange es junge Leute gibt, die keine andere Hoffnung haben, als sich in die Luft zu jagen, kann es keinen Fortschritt geben."

Es ist aber weder "Hoffnungslosigkeit" noch "Verzweiflung" über die israelische Besatzung, die die suizidalen Massenmörder zu ihren Angriffen treibt.

Erstens ziehen nirgendwo sonst Menschen aus ihrer hoffnungslosen Lage die Konsequenz, sich ausgerechnet in überfüllten Schulbussen, Restaurants oder Fußgängerzonen in die Luft zu sprengen.

Zweitens sind die testamentarischen Videobotschaften der Attentäter keineswegs von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, sondern ganz im Gegenteil von Begeisterung und Stolz gekennzeichnet – predigen doch die von Arafat angestellten Imame ihren Anhängern in den Moscheen der Autonomiegebiete, dass Morde an Juden den schnellsten Weg ins Paradies verheißen.

Drittens wurde den Palästinensern vor zwei Jahren in Camp David eben das offeriert, was den vermeintlichen Grund ihrer "Verzweiflung" beseitigt hätte: das Ende der Besatzung zugunsten eines palästinensischen Staats. Arafat, der für das unendliche Leid seiner Landsleute die Hauptverantwortung trägt, lehnte das israelische Angebot jedoch ab und zog den Krieg der Selbstmordbomber gegen Israel vor.

Viertens schließlich sind die Anschläge strategisch genau geplant – gezielt wird jeder noch so zaghafte Hoffnung eines israelisch-arabischen Dialogs mit Vorsatz zerbombt und jede Gemeinsamkeit mit Israelis, die ihrerseits ein Ende der Besatzung wünschen, torpediert. Nach dem schrecklichen Doppel-Anschlag vom 5. Januar wiederholten die Attentäter der Fatah in einem Flugblatt, was zuvor auch die Hamas schon erklärte hatte: Alle Ansätze, wenigstens unmittelbar vor den israelischen Wahlen von Massenmorden Abstand zu nehmen, um dem eher palästinafreundlichen Kandidaten der israelischen Arbeiterpartei, Amram Mitzna, eine Chance zu geben, seien zu durchkreuzen.

Den Selbstmordbombern und ihren Auftraggebern geht es nicht um Dialog und Lösung des Nahost-Konflikts, sondern um etwas anderes: Um die Erfüllung einer wahnhaft-religiösen Verpflichtung gegenüber dem sogenannten Djihad, dem "Heiligen Krieg".

Alle palästinensischen Organisationen verbindet heute die fixe Idee, dass es zu diesem Djihad keine Alternative gebe. So steht es in den Schulbüchern, die, von der EU finanziert, im Jahr 2001 von Arafats Autonomiebehörde verteilt wurden. Das Wort Israel kommt in diesen Schulbüchern nicht vor, stattdessen werden die Kinder von der Grundschule an darauf vorbereitet, "Märtyrer" zu werden. Sie lernen lesen mit Sätzen wie: "Vergiss nie: unser Endziel wird der Sieg der Moslems über die Juden sein." 

Beim Djihad geht es nicht darum, einen palästinensischen Staat an der Seite Israels zu erkämpfen, sondern darum, einen islamischen Staat an die Stelle Israels zu setzen.

Beim Djihad kämpfen nicht vereinzelte Davide gegen einen Goliath, sondern wochenlang vorbereitete Kämpfer, die ihre Selbstinszenierung gründlich vorbereiten und deren Familien von den Massakern profitieren: Sie erhalten Schecks bis zu 25.000 Dollar aus dem Irak und dem Iran sowie aus dem Etat des Gretta Duisenberg-Freundes,  Jassir Arafat.

Beim Djihad werden Menschen nicht für das, was sie tun, getötet, sondern für das, was sie sind. Für Djihadisten ist die unterschiedslose Tötung von Juden nicht das Mittel, um politische Ziele durchzusetzen, sondern der Zweck. Denn die Weltanschauung des Djihadismus ist von einem Vernichtungsantisemitismus geprägt, wie insbesondere die Charta der Hamas beweist.

Diese Charta ist eine Neuauflage der Protokolle der Weisen von Zion.  Die Juden werden hier als das Weltübel par excellence halluziniert und nicht nur für die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg verantwortlich gemacht, sondern auch für den Zweiten Weltkrieg, die Ausbeutung der Dritten Welt durch den Imperialismus und die Verbreitung von Rauschgift. Folgerichtig gilt für die Hamas der Djihad gegen Israel lediglich als erste Etappe eines weltweiten islamischen Kriegs, der die Juden vernichten will, um die Welt zu retten.

Die Art und Weise, wie Juden getötet werden, gibt Auskunft auf die Frage, warum sie getötet werden. Es ist die Ankopplung an eine wahnwitzige und an die NS-Ideologie erinnernde Reinheits- und Erlösungsmission, die den islamistisch inspirierten Antisemitismus zu einem eliminatorischen macht, die den Hass auf Juden größer werden lässt, als die Furcht vor dem eigenen Tod und die den suizidalen Massenmorden ihr Motiv verleiht.

Es ist diese Enthumanisierung der Juden und ihre Dämonisierung zum Menschheitsfeind, die besonders die Islamisten dazu bringt, als „jüdisch“ markierten Menschen unterschiedslos in überfüllten Bussen, Restaurant, Diskotheken, Musicals oder Wolkenkratzern zu töten und jede noch so vage Gelegenheit für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts mit immer neuen Massakern zu torpedieren.

Anders, als es der europäischen Öffentlichkeit eingeredet wird, sind diese Massenmorde somit keine Akte der Verzweiflung in Reaktion auf eine bestimmte israelische Politik, da es um das „konkrete Israel“ ohnehin nicht geht: Was immer die israelische Regierung unternehmen mag, wird stattdessen einer Sichtweise untergeordnet, die den jüdischen Staat als Repräsentanz des Bösen auszulöschen sucht.

Dies aber macht den eigentlichen Skandal der Duisenberg-Affäre aus: Gretta Duisenberg machte sich die antisemitische Wahnidee von Israel als einer „Repräsentanz des Bösen“ zu eigen. In ihrem pro-palästinensischen Extremismus hat sie die Besatzungspolitik der Nazis mit der israelischen Politik nicht nur gleichgesetzt, sondern Israel diesbezüglich gar als „schlimmer“ charakterisiert. Gretta Duisenburg hat mit diesem Vergleich dem palästinensischen Terrorismus nicht nur ein inniges Verständnis gezollt, sondern darüberhinaus die Massenmörder des Djihadismus zu weiteren „Befreiungsaktionen“ geradezu angestachelt: Wer auch immer die israelische und die nationalsozialistische Politik auf eine Stufe stellt, will die Fortsetzung der antijüdischen Vernichtungspolitik legitimieren, indem er den Vorsatz der Vernichtung auf die Opfer jener Ambition, also die Israelis, projiziert.

Die Tatsache, dass „Musterländer der Menschenrechte“ wie Syrien, Algerien, Sudan, Saudi-Arabien, Iran und Irak bei Gretta Duisenburg ebenso wenig vorkommen wie die 100.000 Opfer, die des Islamismus allein in Algerien gefordert hat, oder die 1 Millionen Menschen, die allein im Irak-Iran-Krieg getötet worden sind; die Tatsache also, dass sie ausschließlich Israel als Inbegriff des Übels – quasi als Jude unter den Staaten – herauspickt und auf die Anklagebank setzt, eben dies ist Antisemitismus.

Ein Anti-Zionismus, der derart einseitig Israel angreift und dessen Todfeinde entlastet, der derart schamlos Ursache und Wirkung verdreht und die Doppelmoral zur Richtschnur erhebt, der schließlich den Nazi-Vergleich bemüht, um Israel als Ausgeburt des Bösen anzuprangern – ist Antisemitismus.

Es ist der antisemitische Impuls, der den Aktivismus Gretta Duisenbergs, dieser „Kämpferin für Menschenrechte und Frieden“, antreibt und ihr dabei das scheinbar unerschütterlich gutes Gewissen verleiht.

Dieser Impuls hat neue Konjunktur. Heute erlebt der unverhohlene Judenhass im fadenscheinigen Gewand eines scheinbar ehrbaren Anti-Israelismus eine alarmierende Renaissance: Niemals seit dem 8. Mai 1945 hat sich Antisemitismus in Europa so wirkungsmächtig und zerstörerisch austoben können, wie seit dem 11. September 2001.

Wenn es richtig ist, was Michel Friedman für die neu hinzukommenden EU-Staaten gefordert hat: - „Für die EU-Erweiterung muss gelten, dass staatlich tolerierter Antisemitismus eine EU-Mitgliedschaft ausschließt.“ – dann versteht es sich von selbst, das dieser von Wim Duisenberg nicht nur tolerierte, sondern öffentlich unterstützte Antisemitismus dessen Verbleib an der Spitze der Europäischen Zentralbank in Frage stellen muss.