Redebeitrag der Antifa Gießen zur Kundgebung am 20.03.04 in Frankfurt

 

Zur deutschen Friedensbewegung

 

Heute marschieren sie wieder, die deutschen Friedensfreunde. Die am heutigen Tage in zahlreichen Städten der Bundesrepublik zeitgleich stattfindenden Aufmärsche sind der Anlass unserer Kundgebung, die Kritik an diesen Aufmärschen ist ihr Zweck.

 

Doch warum überhaupt die Friedensbewegung kritisieren? Kommt es angesichts der deutschen Vergangenheit nicht vielmehr einem Fortschritt gleich, wenn laut Meinungsumfragen 85 % der Deutschen angeblich über ein geschlossen pazifistisches Weltbild verfügen? Ist es nicht beruhigend, dass die Söhne, Töchter und Enkel von Hitlers willigen Vollstreckern heutzutage dem Krieg ablehnend gegenüber stehen? Und überhaupt - die Friedensbewegung in ihrer klassischen

Gestalt: Was gibt es an der schon zu kritisieren? Sind das nicht jene zuweilen vielleicht etwas einfach gestrickten Ökos und Hippies, die keiner Fliege was zu Leide tun können und von den Verhältnissen dieser Welt halt eine ziemlich naive und heillos idealistische wie realitätsferne Vorstellung haben, die aber insgesamt doch irgendwie gutmütig, mindestens aber harmlos sind?

 

Würde man sich nicht eingehender mit den Motiven der deutschen Friedenssehnsucht befassen, so könnte man fast zu diesem Schluss gelangen. Doch wir befinden uns nun einmal in Deutschland - und dort ist bekanntlich alles stets viel schlimmer, als es zunächst den Anschein haben mag. Denn in Wahrheit war und ist es nicht ein grundsätzlicher Pazifismus, der die Friedensbewegten auf die Straße treibt.

 

Überdeutlich zu sehen war dies letztes Jahr im Februar in Berlin, wo Hunderttausende kurz vor Beginn der militärischen Intervention zur Beseitigung des Schreckensregimes Saddam Husseins aufmarschierten, um der Welt den Frieden zu erklären. Nicht im geringsten ging es um die Menschen im Irak und um die Verhältnisse, unter denen sie bis zur längst überfälligen Befreiung durch die USA und ihre Verbündeten täglich und stündlich zu leiden hatten. Worum es bei den Massendemonstrationen in Berlin allein ging, war die Inszenierung und ritualhafte Zelebrierung einer vorgeblichen nationalen Katharsis.

"Seht her", wollten die Demonstrierenden an alle Welt gerichtet sagen, "heute sind es die anderen, die Krieg und Unheil über die friedfertigen Völker bringen, während wir Deutschen aus unserer kriegerischen Vergangenheit gelernt haben". Auf zahlreichen Transparenten waren denn auch die scheußlichen Vergleiche zu lesen, die da beispielsweise lauten: "Bush = Hitler" oder "USA = 3. Reich".

 

Andere gingen noch einen Schritt weiter und beschränkten sich nicht auf die wahnhafte Projektion der deutschen Vergangenheit auf die aktuelle Außenpolitik der USA, sondern wollten kundtun, dass der Krieg nun dergestalt über das unschuldige Volk der Irakis hereinzubrechen drohe, wie damals der Zweite Weltkrieg über die Deutschen gekommen sei. Als das Opfer schlechthin, das man sei, so die Auffassung zahlreicher Friedensfreunde, könne man sich bestens in die Menschen einfühlen, denen nun in Bagdad Schrecklichstes bevorstünde. Es ging also in Wahrheit um die Stimmungs- und Gefühlslage des nationalen Kollektivs, welches als solches nicht nur nicht von seiner nationalsozialistischen Vergangenheit getrennt werden kann, sondern als sozialpsychologisches Massenphänomen damals selbst eine der Voraussetzungen darstellte, ohne die die unsägliche deutsche Tat, für die der Name Auschwitz steht, nicht möglich gewesen wäre.

 

Dass es zuvörderst um die Nation ging, kam bei den Massenaufmärschen vom letzten Jahr auch ganz plastisch zum Ausdruck, hatten doch Zigtausende der Friedensmarschierer "Friedensbemalung" angelegt, indem sie wie Fußballfans bei der Weltmeisterschaft die Nationalfarben auf ihre Wangen gemalt hatten oder aber gleich deutsche Nationalflaggen und Wimpel in zigtausendfacher Anzahl stolz mit sich führten.

 

Auch wenn die explizit nationalistische Aufladung dieser Friedensdemonstrationen in Gestalt der mitgeführten Symbole so auffällig war wie kaum je zuvor in der bundesrepublikanischen Geschichte, so ist der damit an den Tag gelegte Ungeist jedoch alles andere als neu. Exemplarisch kann dies an einem Aufruf verdeutlicht werden, der am 28. Januar 1951, also genau 6 Jahre und einen Tag nach der militärischen Befreiung des KZ Auschwitz, von 1700 Friedensbewegten in Essen einstimmig verabschiedet wurde, und der gleichsam so etwas wie das Gründungsdokument der westdeutschen Friedensbewegung, beziehungsweise das Manifest der postnazistischen deutschen Friedenssehnsucht schlechthin darstellt.

 

Der Aufruf von 1951 trägt die bezeichnende Überschrift "Aufruf an alle Deutschen". Er richtet sich gegen die Pläne zur Wiederbewaffnung und beginnt folgendermaßen: "Deutsche Männer, deutsche Frauen, deutsche Jugend! Unser Vaterland ist aufs Neue vom Kriege bedroht.

Gegen den Willen der friedliebenden Bevölkerung werden deutsche Militärverbände aufgestellt, wird die Rüstungsproduktion wieder in Gang gebracht. Dadurch werden der Frieden und die Zukunft unseres Volkes in Gefahr gebracht." Der Essener Aufruf richtet sich nicht an die Mitmenschen oder aber einfach an Individuen, an MitbürgerInnen, nein, er richtet sich explizit an "deutsche Männer", "deutsche Frauen" und die "deutsche Jugend". Nicht die Menschheit oder Europa ist vom Kriege bedroht, nein, das Vaterland ist es, das in den Augen der VerfasserInnen des Essener Aufrufes bedroht ist.

 

Das deutsche Vaterland ist nicht nur bedroht, sondern es ist, wie es heißt, "aufs neue bedroht". Folgt man dieser verqueren Logik, so war es auch 1914 und 1939 bedroht und folglich waren es nicht die Deutschen, die 1914 und 1939 dem Rest der Welt den Krieg erklärten, sondern der Krieg ist damals, so möchte man meinen, irgendwie über die Deutschen hereingebrochen und man ist da halt irgendwie in etwas hineingeraten...

 

"Remilitarisierung bedeutet Krieg", heißt es in besagtem Aufruf, ganz so als ob man selbst erahnte, dass man sich nicht so richtig unter Kontrolle hat und man deshalb besser vorerst auf Waffen verzichten möchte.

 

"Das deutsche Volk", heißt es weiter im Aufruftext, "aber wird sich auf keinen Fall eine Wiederaufrüstung aufzwingen lassen, denn sie führt ins sichere Verderben". Man wollte, wie das damals hieß, ohne Besatzungstruppen und ohne Okkupationsbehörden selbst über das Schicksal des deutschen Volkes bestimmen können. Im Mittelpunkt der Friedenssehnsucht stand also die Konstruktion des deutschen Volkes als Schicksalsgemeinschaft, das von äußeren Feinden umgeben und fremdbestimmt sei. Der mehrfach zitierte Aufruf von 1951 endet schließlich mit den pathetischen Sätzen: "Das deutsche Volk hat jetzt das Wort. In seiner Hand liegt eine Entscheidung von weltgeschichtlicher Bedeutung."

 

Verfolgungswahn und Größenwahn lagen immer schon dicht beieinander, formulierte der Publizist und Kritiker Wolfgang Pohrt treffsicher in den 80er Jahren im Hinblick auf die damalige deutsche Friedensbewegung. Treffender kann man auch das Denken nicht bezeichnen, das den Geist der Anfang der 50er Jahre entstehenden Friedensbewegung prägte. Und auch die scheußlichen Manifestationen, die in diesen Tagen zu beobachten sind, sind durch und durch von diesem Geist durchdrungen, an dessen Fortexistenz sich ablesen lässt, dass die Menschwerdung der Deutschen auch mehr als 200 Jahre nach der französischen Revolution noch immer nicht wirklich erfolgt ist.

 

Denn für den Geist, der die deutsche Friedenssehnsucht beseelt, gilt, dass in ihm die faktischen Subjekt-Objekt-Verhältnisse auf den Kopf gestellt sind. Täter, das sind gemäß dieser deutschen Perspektive immer die anderen, während man sich selber stets als das unschuldige Opfer begreift. Doch nicht nur das. Denn konstitutiv für diese deutsche Denke ist, dass das Opfer stets als Gemeinschaft begriffen wird, in dem der und die Einzelne auf- und damit unterzugehen hat.

Die westdeutsche Friedensbewegung und ihre Geschichte beweisen somit, dass es Unfug ist, wenn heute etwa behauptet wird, der Historiker Jörg Friedrich hätte mit seinen Büchern über die Deutschen als Opfer der Kriegsführung der Alliierten ein Tabu gebrochen. Denn in der deutschen Friedensbewegung gab es niemals eine andere Selbstwahrnehmung als die vom unschuldigen deutschen Opfervolk. Fast nahtlos hat man in diesen Kreisen an die Rhetorik der Nazis angeknüpft.

 

Sehen wir einmal von Neonazi-Banden ab, die sich übrigens heutzutage ganz selbstverständlich in die Front der Friedensbewegten einreihen, so lässt sich ganz ohne Übertreibung sagen, dass die Mähr vom guten und friedfertigen deutschen Volk und seinen Feinden, die während des so genannten 3. Reiches das Zentrum der NS-Ideologie ausmachte, kaum irgendwo so ungebrochen fortleben konnte, wie in der Friedensbewegung der postnazistischen Bundesrepublik.

 

Insofern ist es auch kein Zufall, dass im Mittelpunkt aktueller friedensbewegter Feindbestimmung Israel und die USA stehen. Ein vor wenigen Wochen entstandenes Papier, das der Bundesausschuss Friedensratschlag, also das wichtigste Koordinationsgremium der deutschen Friedensbewegung, zu den heute stattfindenden, bundesweiten Protesten herausgegeben hat, liest sich gerade so, als ob alle Übel dieser Welt von diesen beiden Nationen ausgingen.

 

Die verschwörungstheoretischen und nicht selten antisemitischen Positionen der deutschen Friedensfreunde sagen jedoch nichts aus über die tatsächlichen Weltverhältnisse, dafür aber alles über die geistige Verfasstheit der deutschen Friedensbewegung.

 

Sorgen wir also dafür, dass die deutsch-völkische, dass die antisemitische Ideologie nie wieder eine Chance bekommt!

 

In diesem Sinne: Nie wieder Deutschland